Tagesziel
Die Lernenden unterscheiden konkrete Situationen, in denen KI sinnvoll unterstützt, von Situationen, in denen sie eigenes Verstehen, Urteilen oder Verantworten nicht ersetzen darf
relipuls · Lehrer:innenblatt
Verlässlichkeit, Verantwortung und Regeln im Umgang mit KI
LeitfrageWie viel Denken darf ich an KI abgeben, ohne meine eigene Verantwortung zu verlieren?
Klasse 9, Religionsunterricht in einer heterogenen Lerngruppe.
Viele Jugendliche kennen KI bereits als Werkzeug für Hausaufgaben, Übersetzungen, Bilder, Zusammenfassungen oder schnelle Antworten. Gleichzeitig unterscheiden sie sehr unterschiedlich sicher zwischen Hilfe, Täuschung, Bequemlichkeit, Überforderung und echter Verantwortung.
Die Stunde eignet sich besonders, wenn die Lerngruppe bereits erste Erfahrungen mit KI gemacht hat, aber noch wenig Sprache dafür besitzt, was an der eigenen Urteilskraft schützenswert ist. Sensibel zu beachten ist: Nicht alle Lernenden möchten über eigenes Fehlverhalten sprechen. Deshalb arbeitet die Stunde mit einer fiktiven Szene und ermöglicht Positionierung ohne Bloßstellung.
Die Lernenden unterscheiden konkrete Situationen, in denen KI sinnvoll unterstützt, von Situationen, in denen sie eigenes Verstehen, Urteilen oder Verantworten nicht ersetzen darf
Didaktische Hinweise
Warum: Die Leitfrage „Gehört die Welt uns, um sie mit KI zu optimieren, oder sind wir ihre Treuhänder?“ verbindet eine reale Alltagserfahrung Jugendlicher mit religiösen und ethischen Deutungen von Verantwortung.
Was: Die Stunde folgt einem klaren didaktischen Vertrag: konkrete KI-Szene → eigene Grenze spüren → religiöse, säkulare und kinderrechtliche Perspektiven vergleichen → Optimierung und Sorge prüfen → persönliche Handlungsregel formulieren.
Wozu: Die Lernenden sollen nicht nur „KI gut oder schlecht“ beurteilen, sondern eine stärkende Unterscheidung gewinnen: Ich darf Werkzeuge nutzen, aber ich bleibe Subjekt meines Denkens, meiner Entscheidungen und meiner Verantwortung.
Unterrichtsverlauf
| Phase | Zeit | Verlauf / Lehrkraft | Sozialform | MAT |
|---|---|---|---|---|
| Einstieg | 7 Min. | Lesen die Schulhof-Szene, markieren den Konflikt und ordnen Begriffe den beiden Positionen zu. Lehrkraft: Sammelt erste Reaktionen, ohne sofort zu bewerten: „Wo erkennt ihr euch wieder? Wo wird es schwierig?“ Ergebnis: Die Lerngruppe benennt ein erstes Spannungsfeld zwischen Hilfe durch KI und eigener Verantwortung. | Partnerarbeit / Plenum | M1 |
| Wo stehe ich? Die unsichtbare Grenze | 8 Min. | Positionieren sich zwischen zwei Polen: „KI darf fast alles übernehmen“ und „Ich will möglichst viel selbst verantworten“. Danach hören sie einen kurzen Impuls und formulieren innerlich oder mündlich einen Resonanzsatz. Lehrkraft: Liest den Impuls ruhig vor und schützt die Offenheit der Positionierungen: Niemand muss sich rechtfertigen. Ergebnis: Jede:r hat eine eigene Ausgangsposition oder einen Resonanzsatz, der in Phase 3 weitergetragen wird. | Positionslinie im Raum | M2 |
| Drei Brillen auf die Welt | 10 Min. | Vergleichen drei Perspektivkarten und prüfen, wie jede Perspektive auf KI, Verantwortung und Menschenwürde schaut. Lehrkraft: Achtet darauf, dass Religion nicht nur als allgemeine Werte-Agentur erscheint, sondern als eigene Deutung: Die Welt ist anvertraut, nicht verfügbar. Ergebnis: Die Lernenden können mindestens einen Unterschied zwischen religiöser Treuhänderschaft, säkularer Optimierung und kinderrechtlichem Schutz benennen. | Trios | M3, M32 |
| Sorge tragen statt optimieren | 10 Min. | Lesen die Thesenkarten, vergleichen Sorge und Optimierung im Prüfraster und notieren, wo Menschenwürde gefährdet sein kann. Lehrkraft: Bündelt im Plenum die Unterscheidung zwischen Fehlerfreundlichkeit und Fehlerfreiheit. Ergebnis: Die Lernenden erklären, warum eine reine Effizienzlogik den Menschen verkürzen kann. | Partnerarbeit | M4, M42, M43 |
| Sicherung und Transfer | 10 Min. | Formulieren ihren digitalen Kompass mit einer persönlichen Regel zum Umgang mit KI. Lehrkraft: Moderiert den Austausch so, dass unterschiedliche Positionen stehen bleiben dürfen, solange sie begründet und menschenwürdig sind. Ergebnis: Ein schriftlich fixierter digitaler Kompass mit einer individuellen Handlungsregel für den Schulalltag. | Einzelarbeit, anschließend kurzer Austausch | M5 |
Materialien
M1
M2
M3
M32
M4
M42
M43
M5
Material M1
Arbeitsauftrag: Lest die Szene. Markiert danach: Wo geht es um Hilfe durch KI? Wo geht es um Verantwortung?
Welche Begriffe passen eher zu Samiras Haltung, welche eher zu Bens Sorge? Tragt sie in die Tabelle ein.
| Begriff | Samira: KI als Hilfe und Optimierung | Ben: Verantwortung und eigenes Denken |
|---|---|---|
| Entlastung (etwas wird leichter) | ||
| Verantwortung (für ein Ergebnis einstehen) | ||
| Bequemlichkeit (den einfachsten Weg wählen) | ||
| Sorge (auf etwas Wertvolles achten) | ||
| Kontrolle (selbst prüfen und entscheiden) |
Satz zum Mitnehmen:
Unser Streitpunkt ist: „KI hilft mir, aber...“
Material M2
Die Lernenden stehen im Raum zwischen zwei Polen:
„Stell dir vor, du tippst eine Aufgabe ein. Die Antwort erscheint sofort. Es fühlt sich leicht an. Vielleicht sogar erleichternd. Du bist schneller fertig. Du hast weniger Druck.
Jetzt halte kurz inne. Du musst die Augen nicht schließen; du kannst einfach auf einen Punkt vor dir schauen.
Frage dich: Wo bleibe ich selbst in dieser Antwort? Was prüfe ich noch? Was verstehe ich wirklich? Und wofür möchte ich am Ende einstehen?
Geh nun einen kleinen Schritt dorthin, wo du gerade stehst: näher zur Entlastung durch KI oder näher zur eigenen Verantwortung. Beides darf sein. Wichtig ist nur, dass du wahrnimmst, warum du dort stehst.“
Anschlussfrage:
„Formuliere für dich einen kurzen Satz: Ich stehe hier, weil...“
Material M3
Vergleicht die drei Karten. Markiert pro Karte ein Schlüsselwort. Beantwortet danach: Welche Sicht schützt eigenes Denken und menschliche Würde am stärksten?
Der Mensch ist nicht der Besitzer der Welt. Die Welt ist ihm anvertraut. Wer etwas Anvertrautes bekommt, darf es nutzen, aber nicht rücksichtslos verbrauchen. Verantwortung bedeutet hier: Ich frage nicht nur, was möglich ist, sondern auch, was dem Leben dient.
Schlüsselwörter: anvertraut – bewahren – Verantwortung
Der Mensch gestaltet sein Leben selbst. Technik und KI können helfen, Aufgaben schneller, genauer und bequemer zu erledigen. Verantwortung bedeutet hier: Ich nutze Werkzeuge klug und prüfe, ob sie mir und anderen wirklich helfen.
Schlüsselwörter: Werkzeug – Effizienz – Selbstbestimmung
Jeder Mensch hat Rechte: Schutz, Bildung, Beteiligung und freie Entwicklung. Technik darf Menschen nicht ausbeuten, überwachen oder kleinmachen. Das gilt auch für digitale Produkte, die Rohstoffe, Energie, Daten und menschliche Arbeit brauchen.
Schlüsselwörter: Schutz – Würde – Gerechtigkeit
Wo unterscheiden sich die drei Sichtweisen, wenn Samira KI für ihre Hausaufgaben nutzt?
Material M32
Material M4
Lest die Karten. Entscheidet danach: Welche Karten passen eher zur Logik der Sorge, welche eher zur Logik der Optimierung?
Ein System gilt als gut, wenn es schnell, fehlerarm und planbar arbeitet. Abweichungen stören. Wer nicht funktioniert, wird zum Problem.
Die Welt ist uns anvertraut, nicht unterworfen. Sorge achtet auf das, was verletzlich ist. Sie fragt nicht nur: „Was bringt es?“, sondern auch: „Was braucht Schutz?“
Wenn Menschen nur nach Leistung, Tempo und Fehlerfreiheit bewertet werden, geraten sie unter Druck. Dann zählt weniger, wer jemand ist, sondern nur noch, was jemand liefert.
Jeder Mensch hat eine Würde, die nicht von Leistung abhängt. In religiöser Sprache: Der Mensch ist mehr als seine Funktion. Er ist nicht ersetzbar wie ein Bauteil.
Menschen lernen durch Fehler. Wer Fehler machen darf, kann wachsen. Eine Gesellschaft, die nur Optimierung kennt, verlernt Geduld, Vergebung und Neuanfang.
Material M42
Arbeitsauftrag: Nutzt die Thesenkarten aus M4. Füllt das Raster aus und notiert am Ende einen eigenen Prüfsatz.
| Merkmal | Logik der Sorge | Logik der Optimierung |
|---|---|---|
| Ziel | Was soll geschützt oder bewahrt werden? | Was soll schneller oder perfekter werden? |
| Blick auf Fehler | Was kann man aus Fehlern lernen? | Welche Fehler müssen verschwinden? |
| Blick auf Menschen | Wo bleibt Würde auch bei Schwäche? | Wo wird der Mensch nach Leistung bewertet? |
| Blick auf KI | Wann hilft KI verantwortungsvoll? | Wann ersetzt KI eigenes Denken? |
Mein Prüfsatz:
KI ist für mich hilfreich, solange...
KI wird für mich problematisch, wenn...
Material M43
Moderationshinweis:
Achten Sie darauf, dass Lernende nicht in einfache Gegensätze rutschen: „KI schlecht – Mensch gut“. Ziel ist eine begründete Unterscheidung, nicht Technikangst.
Material M5
Arbeitsauftrag: Formuliere deine persönliche Regel für den Umgang mit KI. Du musst nichts Privates erzählen. Schreibe so, dass die Regel dir im Schulalltag wirklich helfen könnte.
Ein Treuhänder ist jemand, dem etwas Wertvolles anvertraut wurde. Es gehört ihm nicht einfach. Er darf es nutzen, aber er muss sorgsam damit umgehen.
Übertragen auf KI heißt das: Auch mein Denken, meine Entscheidungen, meine Sprache und meine Verantwortung sind mir anvertraut. KI kann mich unterstützen. Aber sie soll mich nicht ersetzen.
Ergänze mindestens zwei Sätze:
Mein stärkender Satz:
„Ich muss nicht alles allein können, aber ich bleibe verantwortlich für das, was ich abgebe, übernehme und weitergebe.“
Quellen
Stadtteilschule
Genutzt für die Einordnung in die Kompetenzbereiche Wahrnehmen, Erschließen, Urteilen und Orientieren sowie für die Bezüge zu Digitalisierung, Mensch und Verantwortung, Schöpfung/Umwelt und Verantwortung.
Aspekte einer zeitgemäßen Schöpfungsdidaktik.
Autor: Horst Heller.
Rolle im Impuls: Anlass und roter Faden für die Frage nach Schöpfung als anvertrautem Gut.
Einordnung der Enzyklika „Magnifica humanitas“ im Blick auf KI, Menschenwürde und digitale Ethik.
Autor: Philipp Greifenstein.
Rolle im Impuls: Hintergrundtext für die Lehrkraft, nicht direktes Schülermaterial.
Hinweis auf Kinderrechte, Kinderarbeit und globale Verantwortung.
Autor:innenangabe in der vorliegenden Prüfung nicht eindeutig gesichert; deshalb im Unterricht nur als thematischer Hintergrund verwenden.
Social-Media-Beitrag der BzKJ zur Bedeutung demokratischer Grundwerte.
Autor:innenangabe nicht als persönliche Autorenschaft gesichert; nicht mit „Von: Thomas Salzmann“ ausweisen.
– Judentum | Binnenquelle zur Deutung des Menschen als Bearbeiter und Bewahrer.
– Islam | Binnenquelle zur Erschließung des Khalifa-Gedankens als Verantwortung auf Erden.
– Christentum | Bezugstext zur Würde des Menschen und zur Frage nach seiner Stellung in der Schöpfung.
Die Materialien M1 bis M5 sind didaktische Konstruktionen für diese Unterrichtsstunde. Sie sind keine Originalzitate aus den genannten Quellen.