Tagesziel
Am Babel-Motiv und an der KI-Debatte prüfen, welche Maßstäbe helfen können, menschliche Urteilskraft, Würde und Verantwortung im digitalen Alltag zu schützen.
relipuls · Lehrer:innenblatt
Didaktisch verdichteter Unterrichtsimpuls mit Materialien
LeitfrageBauen wir mit KI an einem neuen Turm zu Babel, oder lernen wir, digital menschlich zu bleiben?
Die Lerngruppe ist altersgemäß heterogen: Einige Lernende nutzen KI-Tools bereits selbstverständlich, andere kennen sie vor allem indirekt über Social Media, Schule oder Familiengespräche.
Die religiösen und weltanschaulichen Ausgangspunkte sind verschieden. Der Unterricht setzt deshalb keine Zustimmung zu kirchlichen Aussagen voraus, sondern eröffnet eine gemeinsame Prüfung religiöser, islamischer, jüdisch-christlicher und säkularer Deutungsangebote.
Für die Zielgruppe tragfähig ist der konkrete Einstieg über KI-Texte im Schulalltag. Entlastung brauchen vor allem die Begriffe Enzyklika, Hybris, Gottebenbildlichkeit, Khalifa, Filterblase und Ethics-Washing.
Die Stunde eignet sich besonders, wenn die Lehrkraft den theologischen Anspruch nicht als fertige Lösung präsentiert, sondern als Frage an die eigene digitale Lebenswelt der Lernenden ins Spiel bringt.
Am Babel-Motiv und an der KI-Debatte prüfen, welche Maßstäbe helfen können, menschliche Urteilskraft, Würde und Verantwortung im digitalen Alltag zu schützen.
Didaktische Hinweise
Ich wähle diesen Zugang, weil die Enzyklika Magnifica humanitas die KI-Frage nicht nur technisch oder politisch stellt, sondern anthropologisch: Was schützt den Menschen davor, zum Datenpunkt, Werkzeug oder Objekt fremder Steuerung zu werden?
Das Babel-Motiv dient nicht als einfache Gleichsetzung von KI und Sünde. Es dient als Deutungsraum, in dem Jugendliche Macht, Sprache, Einheit, Vielfalt, Machbarkeit und menschliche Begrenztheit befragen können.
Die Stunde soll die Lernenden nicht zu Technikfeindschaft führen, sondern zu einer aufmerksameren Fragehaltung: Wo hilft KI menschlichem Leben? Wo nimmt sie Urteilskraft ab? Wo konzentriert sie Macht? Und woran würden Jugendliche selbst merken, dass digitale Zukunft menschlich bleibt?
Für die Durchführung reicht es, wenn die Lehrkraft vorab drei Sachpunkte kennt:
Falls die Diskussion über das „Feigenblatt-Dilemma“ zu abstrakt bleibt, führen Sie kurz auf den Schulalltag zurück: KI-generierte Hausaufgaben, automatische Übersetzungen, Empfehlungsfeeds oder die Frage, ob eine Chatbot-Antwort noch „meine“ Antwort ist.
Unterrichtsverlauf
| Phase | Zeit | Verlauf / Lehrkraft | Sozialform | MAT |
|---|---|---|---|---|
| Einstieg | 7 Min. | Lesen M1, markieren Unterschiede zwischen KI-Standardtext und Schüler-Fragment und benennen, wo eine eigene Stimme hörbar wird. Lehrkraft: Moderiert nicht bewertend und sammelt Begriffe wie „glatt“, „echt“, „bequem“, „fremd“, „hilfreich“, „unpersönlich“. Ergebnis: Erste Beobachtung: KI kann entlasten, aber auch eigene Stimme und Urteilskraft glätten. Hinweis: Keine Beicht- oder Kontrollsituation zur KI-Nutzung erzeugen. | Plenum / Einzelimpuls | M1 |
| Auf dem Rücksitz der Algorithmen | 8 Min. | Positionieren sich auf einer Linie zwischen „Ich bestimme selbst“ und „Ich sitze auf dem Rücksitz“. Lehrkraft: Liest die Prompts aus M2 langsam vor und lässt nach jeder Positionierung ein freiwilliges Leitwort nennen. Ergebnis: Ein gemeinsamer Spannungssatz, z. B.: „KI hilft mir, aber manchmal merkt sie vor mir, wohin ich denke.“ Hinweis: Nicht in lange Diskussion gehen; die Erfahrung dient als Brücke zur Deutung. | Aufstellung im Raum | M2 |
| Drei Brillen auf den Turmbau 2.0 | 10 Min. | Lesen die Perspektivkarten, markieren Kernwarnungen und halten Gemeinsamkeiten/Unterschiede in M32 fest. Lehrkraft: Klärt bei Bedarf die Begriffe Babel, Hybris, Khalifa und Filterblase. Ergebnis: Vergleichende Einschätzung, was das Babel-Motiv für die KI-Debatte sichtbar macht. Hinweis: Perspektiven nicht gegeneinander ausspielen; die Karten sind didaktisch verdichtete Deutungsangebote, keine vollständigen Religionsdarstellungen. | Gruppenarbeit | M3, M32, M33 |
| Das Feigenblatt-Dilemma | 10 Min. | Lesen M4, unterscheiden Argumente für Kritik und Argumente für Dialog und formulieren eine begründete Einschätzung. Lehrkraft: Achtet darauf, dass „Tech-Konzerne“ nicht pauschal dämonisiert werden, sondern Macht, Verantwortung und Kontrolle differenziert betrachtet werden. Ergebnis: Ausgefüllte Argumentationskarte mit einer begründeten Position zum Feigenblatt-Dilemma. Hinweis: Bei Zeitdruck nur je ein Argument pro Seite sammeln lassen. | Partnerarbeit | M4 |
| Thesen zur digitalen Mündigkeit | 10 Min. | Formulieren mit M5 eine bis drei Thesen für ihren Schulalltag und begründen diese mit einem Motiv aus Babel oder der KI-Debatte. Lehrkraft: Sichert wenige starke Thesen sichtbar und fragt abschließend: „Woran würden wir im Schulalltag merken, dass KI dem Menschen dient?“ Ergebnis: Drei Thesen zur digitalen Mündigkeit. Hinweis: Die „Charta“ muss keine fertige Antwort sein; sie darf offene Prüfsteine formulieren. | Gruppenarbeit / Plenum | M5 |
Materialien
M1
M2
M3
M32
M33
M4
M5
M6
Material M1
Zwei Texte liegen auf dem Tisch. Beide könnten aus einer Hausaufgabe zum Thema „Gerechtigkeit“ stammen.
„Gerechtigkeit ist ein fundamentales Prinzip, das das Zusammenleben in einer Gesellschaft ordnet. Sie sorgt für einen fairen Ausgleich von Interessen und garantiert jedem Individuum gleiche Rechte. In einer gerechten Welt werden Ressourcen gerecht verteilt und Diskriminierung aktiv bekämpft. Somit bildet Gerechtigkeit das notwendige Fundament für Frieden und Stabilität in jedem modernen Staat.“
„Gerechtigkeit? Das ist für mich, wenn mein Kumpel aus der Siedlung die gleiche Chance kriegt wie einer aus dem Villenviertel. Aber meistens ist das nur ein Wort, das Leute benutzen, die schon alles haben. Gerechtigkeit fühlt sich für mich eher an wie ein Kampf, den man jeden Tag neu führen muss, weil es eben nicht von alleine fair zugeht. Es ist kein Prinzip, es ist eher… ein Gefühl von Wut, wenn man sieht, wie Leute einfach übergangen werden.“
KI kann Sprache sehr gut glätten. Aber wird dadurch auch unser Denken klarer - oder manchmal nur bequemer?
Material M2
Eine Seite des Raumes bedeutet: „Ich bestimme selbst.“
Die andere Seite bedeutet: „Ich sitze auf dem Rücksitz der Algorithmen.“
Lesen Sie die Sätze langsam vor. Die Lernenden stellen sich jeweils auf der Linie auf. Nach jeder Runde nennen einzelne freiwillig ein Leitwort zu ihrer Position.
Sammeln Sie am Ende einen Satz aus der Lerngruppe, zum Beispiel: „KI hilft mir, aber manchmal merke ich nicht, wie sie mich lenkt.“
Material M3
Lest die drei Perspektiven. Markiert in jeder Karte:
* eine Warnung
* ein Menschenbild
* eine Frage an unsere KI-Welt
Nutzt danach M32 für euren Vergleich.
In Genesis 11,1-9 bauen Menschen eine Stadt und einen Turm, „dessen Spitze bis an den Himmel reicht“. Die Geschichte kann als Warnung vor menschlicher Hybris gelesen werden: Menschen wollen sich absichern, groß machen und alles unter eine gemeinsame Ordnung bringen.
Für die KI-Frage heißt das nicht: Technik ist böse. Die Frage lautet eher: Wann wird der Wunsch nach Kontrolle so groß, dass Vielfalt, Freiheit und Verantwortung verschwinden?
Prüffrage: Ist unsere KI-Welt ein neuer Turm, wenn wenige Systeme bestimmen, welche Sprache, Bilder und Informationen sichtbar werden?
Im Islam wird der Mensch unter anderem als Khalifa verstanden: als verantwortlicher Statthalter auf Erden. Das bedeutet Würde, aber auch Begrenzung. Der Mensch darf gestalten, aber er ist nicht selbst der Schöpfer.
Für die KI-Frage entsteht daraus eine Spannung: Menschen können Werkzeuge bauen, die sehr mächtig sind. Aber wer trägt Verantwortung, wenn diese Werkzeuge andere Menschen benachteiligen, täuschen oder verletzen?
Prüffrage: Wo hilft KI, Verantwortung wahrzunehmen - und wo überschreitet der Mensch eine Grenze zur Anmaßung?
Aus säkular-humanistischer Sicht steht im Mittelpunkt, dass Menschen frei, gleichwürdig und selbstbestimmt leben können. Problematisch wird KI, wenn wenige Firmen, Staaten oder Plattformen kontrollieren, was viele Menschen sehen, glauben, kaufen oder entscheiden.
Die Gefahr liegt dann weniger in der Maschine selbst als in den Machtstrukturen dahinter.
Prüffrage: Wie schützen wir Mündigkeit, wenn Algorithmen für uns vorsortieren, was wichtig erscheint?
Material M32
Notiert eure Erkenntnisse aus dem Vergleich der drei Perspektiven.
| Perspektive | Warnung vor KI | Menschenbild | Frage an unseren Alltag |
|---|---|---|---|
| Babel / jüdisch-christlich | |||
| Khalifa / islamisch | |||
| säkular-humanistisch |
Das Bild vom „Turmbau zu Babel“ passt zur KI-Debatte, weil …
Das Bild passt nur begrenzt, weil …
Wählt eine Person, die euren Vergleichssatz vorliest. Ihr müsst nicht alles vorstellen.
Material M33
Material M4
Wichtig: Diese Fallakte ist ein didaktisch verdichtetes Arbeitsmaterial. Sie fasst eine reale Debatte zusammen, ersetzt aber keinen vollständigen Zeitungsartikel.
Papst Leo XIV. fordert in Magnifica humanitas, KI müsse dem Menschen dienen und dürfe nicht zum Instrument von Herrschaft, Ausschluss oder Tod werden. Zugleich sucht der Vatikan den Dialog mit Akteuren aus Technik, Politik und Zivilgesellschaft. Kritikerinnen und Kritiker fragen: Wird dadurch echte Verantwortung möglich - oder bekommen mächtige Unternehmen nur einen moralisch guten Anstrich?
Ethics-Washing bedeutet: Eine Organisation spricht viel über Ethik, ändert aber an Macht, Profitinteressen oder problematischen Praktiken wenig.
„Wenn mächtige Tech-Unternehmen mit religiösen oder ethischen Autoritäten auftreten, kann das wie ein moralisches Schutzschild wirken. Dann sieht es nach Verantwortung aus, obwohl die eigentliche Macht weiter bei wenigen liegt.“
„Wer KI wirklich begrenzen und menschenfreundlich gestalten will, muss mit denen sprechen, die sie entwickeln, finanzieren und einsetzen. Ohne Dialog bleiben ethische Forderungen wirkungslos.“
| Argumente für „Ethics-Washing“ | Argumente für „notwendigen Dialog“ |
|---|---|
Wir halten den Dialog mit mächtigen KI-Akteuren für ________________________________,
weil __________________________________________________________________________
_______________________________________________________________________________.
Woran könnte man erkennen, dass ein solcher Dialog wirklich dem Menschen dient und nicht nur dem Image?
Material M5
Wir, die Klasse 9, formulieren Thesen zur digitalen Mündigkeit.
Nutzt mindestens einen Gedanken aus der Stunde:
Formuliert mindestens eine, möglichst drei Thesen für euren Schulalltag.
* Hilfe: Wo brauchen wir eigene Urteilskraft statt nur eine KI-Antwort?
2. Fehler dürfen bleiben: Wir fordern, dass …
* Hilfe: Wie schützen wir Lernen vor dem Zwang zur perfekten KI-Lösung?
3. Vielfalt statt Babel: Wir fordern, dass …
* Hilfe: Wie verhindern wir, dass Algorithmen uns in eine Einheitsmeinung drängen?
Unsere wichtigste These ist These Nr. ___, weil …
Woran würden andere in unserer Schule merken, dass KI bei uns dem Menschen dient?
Material M6

Dieses Bild ist keine neutrale Darstellung von KI, sondern eine zugespitzte Bildfantasie.
Das Bild zeigt KI eher als …
Die Verbindung zur Turmbaugeschichte sehe ich bei …
Problematisch finde ich an dem Bild …
Aus meiner Sicht fehlt …
Quellen