Tagesziel
Die Lerngruppe vergleicht zwei verifizierte religiöse Quellen mit einer offen markierten säkularen Prüfperspektive und entwickelt Kriterien für begründete moralische Urteile.
relipuls · Lehrer:innenblatt
Didaktisch verdichteter Unterrichtsimpuls mit Materialien
LeitfrageWenn moralische Urteile schnell feststehen: Wer legt eigentlich fest, was gut ist, und woran lässt sich eine Begründung prüfen?
Die Lerngruppe vergleicht zwei verifizierte religiöse Quellen mit einer offen markierten säkularen Prüfperspektive und entwickelt Kriterien für begründete moralische Urteile.
Didaktische Hinweise
Die Lernenden sollen merken, dass moralische Urteile Begründungen brauchen und dass diese Begründungen auf ganz unterschiedlichen Logiken beruhen können. Wir vergleichen dafür drei Perspektiven: zwei verifizierte religiöse Quellen und eine offen markierte säkulare Prüfperspektive als Lehrkraft-Vorlage. So entsteht ein Dialog, der Unterschiede sichtbar macht, ohne dass jemand unter Druck gerät oder eine Haltung abgefragt wird.
Unterrichtsverlauf
| Phase | Zeit | Verlauf / Lehrkraft | Sozialform | Material |
|---|---|---|---|---|
| Einstieg | 10 Min. | Lernende erhalten anonymisierte Streitsätze wie „Das ist moralisch falsch, weil…“ und ergänzen in Partnerarbeit zwei verschiedene Begründungen. Sie sortieren diese in eine 3-Spalten-Tabelle: Autorität/Tradition, Wirkung/Fairness, überprüfbares Kriterium. Lehrkraft: Gibt die Karten aus und moderiert nur die erste Zuordnung im Plenum. Ergebnis: Ausgefüllte 3-Spalten-Tabelle pro Paar. | Partnerarbeit | M1 |
| Erarbeitung I | 15 Min. | Alle bearbeiten kurze Auszüge aus Matthäus 7,1–5 und Sure 49:11–12 zur Frage, wer moralische Urteile fällen darf. Dazu kommt in M2 ein kurzer Prüfsatz als offen markierte Lehrkraft-Vorlage für diese Stunde: Moralische Urteile sind nur tragfähig, wenn ihre Folgen fair begründet und überprüfbar sind. Jede Gruppe markiert pro Quelle genau eine Textstelle, formuliert zu allen drei Perspektiven je einen Deutungssatz und hält am Ende einen Vergleichssatz fest: Wo warnen die Perspektiven ähnlich, wo setzen sie einen anderen Akzent? Lehrkraft: Stellt die Quellen bereit, sichert zentrale Begriffe und erinnert an textnahes Arbeiten. Ergebnis: Zwei markierte Textstellen, drei Deutungssätze und ein Vergleichssatz pro Gruppe. | Gruppenarbeit mit anschließendem Austausch | M2 |
| Sicherung | 10 Min. | Die Lernenden lesen in M3 eine vorbereitete KI-Beispielantwort zu einem Streitsatz aus M1. Mit einem einfachen Kriterienraster prüfen sie: Wird ein Grund genannt? Ist dieser Grund überprüfbar? Beruft sich die Antwort nur auf Autorität? Anschließend überarbeiten sie die Antwort so, dass sie nachvollziehbar begründet ist. Wer schneller fertig ist oder mit Geräten arbeitet, nutzt zusätzlich M4: Dort wählen die Lernenden eine Perspektive und erstellen mit einer Promptkarte eine eigene KI-Antwort oder vergleichen die dort notierten Beispielantworten. Lehrkraft: Kann die Beispielantwort aus M3 vor der Stunde durch eine eigene Fassung aus einem frei zugänglichen LLM oder einem vergleichbaren Tool ersetzen und mit M4 weitere Perspektivvarianten vorbereiten; erinnert im Unterricht an die drei Prüffragen. Ergebnis: Überarbeitete KI-Antwort mit Markierungen der verbesserten Begründung. | Einzel- oder Partnerarbeit | M3, M4 |
| Position beziehen | 10 Min. | Jede Gruppe formuliert einen kurzen „Begründungsgrundsatz“: Unter welchen Bedingungen ist eine moralische Regel überprüfbar und nicht nur Tradition? Der Grundsatz muss sich auf mindestens eine der behandelten Perspektiven beziehen. Lehrkraft: Sammelt die Ergebnisse ein und moderiert eine kurze Galerie der Grundsätze. Ergebnis: Sichtbare Plakate mit begründeten Grundsätzen. | Gruppenarbeit |
Materialien
Material M1
Methode: Partnerarbeit (Prüffragen & Verantwortung klären)

Arbeitsauftrag (Partnerarbeit): Wählt gemeinsam zwei Streitsätze aus. Ergänzt bei jedem Satz zwei unterschiedliche Begründungen. Sortiert eure Begründungen danach in die Tabelle.
Streitsätze (ausschneiden oder abtippen): - „Lügen ist moralisch falsch.“ - „Mobbing in der Klasse ist moralisch falsch.“ - „Schwänzen ist moralisch falsch.“ - „Jemanden wegen seiner Religion verspotten ist moralisch falsch.“ - „Tiere nur zum Spaß quälen ist moralisch falsch.“
| Autorität / Tradition | Wirkung / Fairness | Überprüfbares Kriterium |
|---|---|---|
| Beispiel: „Weil die Bibel / der Koran / die Eltern es verbieten.“ | Beispiel: „Weil jemand dadurch verletzt wird und es unfair ist.“ | Beispiel: „Weil man nachweisen kann, dass es schadet (z. B. Studien, Beobachtung).“ |
Satzstarter für die Begründungen: - Das ist moralisch falsch, weil … - Eine Autorität sagt dazu … - Das schadet, weil … - Man kann das überprüfen, indem man …
Tipp: Nicht jede Begründung passt in jede Spalte. Diskutiert, warum eine Begründung eher in eine Spalte gehört.
Material M2
Methode: Quellenarbeit mit Vergleichsraster

Auftrag: 1. Lest die beiden verifizierten Quellen und markiert jeweils genau eine Textstelle, die zeigt, wer urteilen darf oder soll. 2. Lest zusätzlich bei Quelle 3 den Prüfsatz der Lehrkraft-Vorlage und formuliert auch dazu einen kurzen Deutungssatz. 3. Schreibt am Ende einen Vergleichssatz: Was ist ähnlich, was ist verschieden?
Quelle 1 – Christentum (Matthäus 7,1–5) Verifizierter Auszug: https://www.bibleserver.com/LUT/Matth%C3%A4us7,1-5 Aufgabe: Markiert den Satz, der zum Richten Stellung nimmt. Deutungssatz-Beispiel: „Jesus warnt davor, andere zu verurteilen, weil man selbst fehlerhaft ist.“
Quelle 2 – Islam (Sure 49:11–12) Verifizierter Auszug: https://quran.com/49?startingVerse=11 Aufgabe: Markiert den Teil, der Verdacht und Spionieren betrifft. Deutungssatz-Beispiel: „Der Qur’an verbietet, schlecht über andere zu reden oder sie zu verspotten.“
Quelle 3 – Säkulare Prüfperspektive (Lehrkraft-Vorlage für diese Stunde, didaktisch verdichtet) Text: „Ein moralisches Urteil ist nur dann tragfähig, wenn man begründen kann, wem es nützt oder schadet, warum es fair ist und wie sich diese Begründung prüfen lässt.“ Aufgabe: Unterstreicht die Wörter, die auf Folgen, Fairness und Überprüfbarkeit verweisen. Deutungssatz-Beispiel: „Die säkulare Prüfperspektive fragt nicht zuerst nach Autorität, sondern danach, ob eine Regel nachvollziehbar begründet und überprüfbar ist.“
Vergleichssatz (Pflicht): Schreibt einen Satz mit dem Starter: „Alle drei Perspektiven warnen vor ..., aber sie setzen unterschiedliche Akzente bei ...“
Material M3
Methode: Satzstarter und Unterstützungsraster (Differenzierung)

KI-Beispielantwort (Arbeitsgrundlage): „Mobbing in der Klasse ist moralisch falsch, weil man andere Menschen nicht verletzen soll. Schon in Religion und Familie lernt man, dass man respektvoll miteinander umgehen muss. Deshalb ist Mobbing falsch.“
Arbeitsauftrag: 1. Lest die KI-Beispielantwort oben. 2. Prüft die KI-Antwort mit den drei Fragen unten. 3. Überarbeitet die Antwort so, dass sie eine nachvollziehbare, überprüfbare Begründung enthält. 4. Markiert in eurer Überarbeitung den verbesserten Begründungsteil.
Satzstarter für die Überarbeitung: - Eine bessere Begründung wäre: „… weil man nachweisen kann, dass …“ - Statt nur auf Tradition zu verweisen, kann man hinzufügen: „Außerdem zeigt sich in der Praxis, dass …“ - Der verbesserte Satz lautet: „…“
Beispiel für eine mögliche Überarbeitung: „Mobbing in der Klasse ist moralisch falsch, weil es nachweisbar Angst, Ausgrenzung und Lernstress verstärkt. Man kann die Folgen daran erkennen, dass Betroffene sich zurückziehen, im Unterricht weniger mitarbeiten oder nicht mehr gern zur Schule kommen. Deshalb ist Mobbing nicht nur verboten, sondern auch unfair und schädlich.“
Ergebnis: Überarbeitete KI-Antwort + Markierung der verbesserten Begründung.
Material M4
Methode: Promptkarte mit Perspektivwechsel
So geht es: 1. Wählt einen Streitsatz aus M1. 2. Wählt eine Perspektive: Christentum, Islam, säkulare Prüfperspektive oder eine weitere eigene Perspektive. 3. Setzt beides in den Prompt ein. 4. Prüft danach die KI-Antwort wieder mit M3.
Promptkarte (Grundform): „Schreibe eine kurze moralische Begründung zu dem Satz: ,___________.‘ Formuliere aus der Perspektive: ,___________.‘ Nenne einen klaren Grund, erkläre die Folgen oder das Kriterium in 2–4 Sätzen und vermeide bloße Wiederholungen wie ,das ist falsch, weil es falsch ist‘.“
Prompt-Anpassung für die Perspektive: - Christentum: „Beziehe dich auf die Idee, andere nicht vorschnell zu verurteilen.“ - Islam: „Beziehe dich auf die Idee, andere nicht zu verspotten, zu verdächtigen oder bloßzustellen.“ - Säkulare Prüfperspektive: „Begründe mit Fairness, Folgen und Überprüfbarkeit.“ - Eigene Perspektive: „Beziehe dich auf eine selbst gewählte Regel oder Begründungslogik und benenne sie deutlich.“
Beispielhafte KI-Antworten: - Christliche Perspektive: „Mobbing in der Klasse ist moralisch falsch, weil Menschen andere nicht vorschnell herabsetzen sollen. Wer andere bloßstellt, übersieht oft die eigenen Fehler und verletzt das Zusammenleben in der Gruppe.“ - Islamische Perspektive: „Mobbing ist moralisch falsch, weil Menschen nicht verspottet oder absichtlich beschämt werden sollen. Es zerstört Respekt und kann dazu führen, dass jemand Angst vor der Klasse bekommt.“ - Säkulare Prüfperspektive: „Mobbing ist moralisch falsch, weil man seine schädlichen Folgen beobachten kann: Ausgrenzung, Angst und schlechtere Lernbedingungen. Eine Regel gegen Mobbing ist deshalb fair, weil sie alle vor nachweisbarem Schaden schützt.“
Arbeitsauftrag: Schreibt euren gewählten Prompt aus, erstellt damit eine KI-Antwort und markiert anschließend: Wo zeigt sich die Perspektive? Wo ist die Begründung stark? Wo bleibt sie nur Behauptung?
Ergebnis: Ein eigener Prompt + eine KI-Antwort + drei Markierungen zur Auswertung.
Quellen