Tagesziel
Die Lernenden erarbeiten eine begründete Position zur Rolle religiöser Traditionen im Unterricht, indem sie diese als existenzielle Angebote mit eigenen weltanschaulichen Fragen in Beziehung setzen.
relipuls · Lehrer:innenblatt
Didaktisch verdichteter Unterrichtsimpuls mit Materialien
LeitfrageDürfen meine eigenen weltanschaulichen Fragen genauso viel Raum einnehmen wie die großen religiösen Traditionen?
Klasse 11
Die Lernenden verfügen über eine hohe Abstraktionsfähigkeit, sind jedoch durch eine stark säkulare Prägung oft skeptisch gegenüber dem "Nutzen" traditioneller religiöser Texte für ihre eigene Lebenswelt.
Die Lernenden erarbeiten eine begründete Position zur Rolle religiöser Traditionen im Unterricht, indem sie diese als existenzielle Angebote mit eigenen weltanschaulichen Fragen in Beziehung setzen.
Didaktische Hinweise
Ich wähle diesen Zugang, weil die Lernenden in der Oberstufe den Religionsunterricht oft als rein historisches Fach missverstehen und die Relevanz für ihre eigene Identitätsbildung erst durch die Konfrontation mit der eigenen Subjektivität entdecken.
Ich möchte die Spannung zwischen dem Bedürfnis nach individueller Selbstverwirklichung und der Herausforderung durch eine überlieferte, "fremde" Tradition wie die von Paul Gerhardt erfahrbar machen.
Die Stunde soll dazu führen, dass die Lernenden den Religionsunterricht als einen Raum begreifen, in dem ihre eigenen Fragen nicht nur geduldet, sondern als gleichberechtigter Partner im Dialog mit der Tradition ernst genommen werden.
Achten Sie bei der körperlichen Verortung im Raum darauf, dass diese nicht als "Bekenntniszwang" missverstanden wird; bieten Sie explizit einen "neutralen" Bereich an, um Hemmungen abzubauen. Nutzen Sie bei der Analyse von Paul Gerhardt den Kontrast zwischen dem historischen Kontext (Dreißigjähriger Krieg) und der heutigen, oft als krisenhaft empfundenen Zeit, um die Anschlussfähigkeit der Texte zu erhöhen. Sollte die Diskussion zu stark in eine rein politische Debatte über "Religionsunterricht ja/nein" abdriften, führen Sie die Lernenden durch gezielte Rückfragen auf die existenzielle Ebene der persönlichen Sinnsuche zurück.
Unterrichtsverlauf
| Phase | Zeit | Verlauf / Lehrkraft | Sozialform | MAT |
|---|---|---|---|---|
| Einstieg | 7 Min. | Fallkarte lesen → Argumente identifizieren → eigene Fragen zur Sichtbarkeit von Weltanschauungen formulieren Lehrkraft: Legt die Fallkarten aus und bittet um erste spontane Reaktionen zur Streitfrage im Plenum Ergebnis: Eine Sammlung von Fragen zur Sichtbarkeit eigener weltanschaulicher Überzeugungen im Schulleben. Hinweis: Den Fokus auf die Reibung zwischen religiöser Tradition und individueller Sinnsuche legen, ohne den Streit zu harmonisieren | Murmelgruppe (Partnerarbeit) | M1 |
| Einen Moment stillstehen: Wo ist mein persönlicher Anker? | 8 Min. | Drei anonyme Such-Stimmen hören → in Stille den eigenen Ankerpunkt erspüren → schweigend zu den Bodenkarten im Raum gehen und sich verorten Lehrkraft: Liest die drei Stimmen der Suche mit Bedacht vor, begleitet die schweigende Positionierung im Raum und lässt den Moment der Verortung kurz wirken, bevor die Übergabe in die Kleingruppenarbeit erfolgt Ergebnis: Eine im Raum sichtbare, körperliche Verortung der eigenen Sinnsuche als individueller Ankerpunkt. Hinweis: Die Stille nicht durch Erklärungen unterbrechen, sondern den Raum für die eigene existenzielle Resonanz halten | Klassenplenum | M2, M22 |
| Drei Wege, drei Anker: Das Angebot der Traditionen | 8 Min. | Quellentexte vergleichen → Gemeinsamkeiten und Unterschiede benennen → Reibungspunkte zwischen Tradition und persönlicher Suche identifizieren Lehrkraft: Legt die drei Anker-Karten aus, moderiert die Gruppenbildung und achtet darauf, dass die unterschiedlichen Perspektiven als gleichwertige Angebote diskutiert werden, ohne zu harmonisieren Ergebnis: Eine im Plenum gesicherte Übersicht der drei unterschiedlichen Sinnangebote als Grundlage für die vertiefte Binnenperspektive. Hinweis: Die Texte sind bewusst kurz und sprachlich vorentlastet gehalten, um den Fokus auf den Vergleich der Sinnangebote zu legen | Gruppenarbeit (3er-Teams) | M3 |
| Deep Dive: Paul Gerhardt als existenzielle Stimme | 10 Min. | Quellenimpuls lesen → historische Krisensituation mit Liedstrophen vergleichen → Spannungspunkt zwischen 'Tradition als starrer Identitätsgrenze' und 'Tradition als lebendigem Trostanker' benennen Lehrkraft: Gibt den Quellenimpuls aus, moderiert bei Bedarf den Vergleich zwischen der historischen Krisenerfahrung und der heutigen Bedeutung und sichert den benannten Spannungspunkt für das abschließende Urteil Ergebnis: Ein benannter Spannungspunkt zwischen 'Tradition als identitätsstiftender Anker' und 'Weltanschauung als offene, kritische Anfrage'. Hinweis: Fokus auf die existenzielle Tiefe legen – nicht in rein kirchengeschichtliche Details abgleiten | Partnerarbeit | M4 |
| Sicherung und Transfer | 12 Min. | Toleranz-Check-Raster bearbeiten → eigene Position zur Frage der Tradition im RUfa formulieren → Argumente anhand der Kriterien Freiheit, Respekt und eigener Zweifel prüfen → Urteil im Plenum zur Diskussion stellen Lehrkraft: Teilt das Prüfraster aus, begleitet den Schreibprozess und moderiert die abschliessende Runde zur Frage, wie Traditionen als offenes Angebot im RUfa verstanden werden können Ergebnis: Ein begründetes, schriftlich fixiertes Urteil zur Rolle religiöser Traditionen im pluralen Unterricht. Hinweis: Die Lernenden sollen nicht zur Zustimmung gedrängt werden, sondern die produktive Reibung zwischen Tradition und eigener weltanschaulicher Anfrage als Lernchance benennen | Einzelarbeit mit Plenum | M5 |
Materialien
Material M1

Am Ende des Reli-Unterrichts (Alternative Bildbeschreibung)
1. Lehrkraft sagt beiläufig: „Nächste Woche schauen wir uns Paul Gerhardt an.“
2. Zwei rollen mit den Augen: „Bitte nicht noch mehr Kirchenzeug.“
3. Samira schaut irritiert: „Warum ist alles Religiöse direkt cringe?“
4. Ben: „Warum wirken Zweifel immer respektloser als Glaube?“
Arbeitsauftrag:
- Was könnt ihr nachvollziehen?
- Was irritiert oder provoziert?
- Formuliert gemeinsam die Streitfrage hinter der Szene in einem Satz.
Material M2
oder als Audio:
Material M22
Material M3
A1: Paul Gerhardt (Christlich)
'Geh aus, mein Herz, und suche Freud...' – Gott schenkt Trost und Freude mitten im Leid. Das Vertrauen auf Gott ist ein Anker, der auch in schweren Zeiten trägt.
A2: Dua und Verantwortung (Muslimisch/Alevitisch)
Das Gebet (Dua) ist die direkte Verbindung zum Schöpfer. Der Mensch hat die Aufgabe (Khalifa), die Welt als Schöpfung Gottes zu schützen und aktiv Verantwortung zu übernehmen.
A3: Autonome Sinnsuche (Säkular)
Der Mensch gibt sich seinen Sinn selbst. Wir brauchen keinen Gott, um Gutes zu tun und Trost im Leben zu finden. Sinn entsteht durch menschliche Beziehungen, Vernunft und eigenes Handeln.
Arbeitsauftrag:
4. Lest die drei Texte in eurer Gruppe.
5. Vergleicht: Wo liegt bei jedem 'Anker' der Schwerpunkt für ein gelingendes Leben?
6. Markiert eine Stelle, an der ihr eine bewusste Reibung oder einen Unterschied zwischen den Positionen spürt.
Material M4
Der Glaube ist wie ein Anker in einem Sturm. Trotz des Leids in der Welt richtet Gerhardt seinen Blick auf die Schönheit der Schöpfung. Er vertraut darauf, dass Gott ihm Kraft gibt, um die dunkle Zeit zu überstehen. Der Trost kommt von außen durch das Vertrauen auf Gott.
Leiden gehört zum Leben dazu. Anstatt vor dem Schmerz zu fliehen oder nur auf Hilfe von außen zu hoffen, übt man Achtsamkeit. Man lernt, das Leiden genau wahrzunehmen, ohne sich darin zu verstricken. Durch innere Ruhe und Mitgefühl verändert sich der Umgang mit Leiden Schritt für Schritt.
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Material M4
Der Glaube ist wie ein Anker in einem Sturm. Trotz des Leids in der Welt richtet Gerhardt seinen Blick auf die Schönheit der Schöpfung. Er vertraut darauf, dass Gott ihm Kraft gibt, um die dunkle Zeit zu überstehen. Der Trost kommt von außen durch das Vertrauen auf Gott.
Leiden gehört zum Leben dazu. Anstatt vor dem Schmerz zu fliehen oder nur auf Hilfe von außen zu hoffen, übt man Achtsamkeit. Man lernt, das Leiden genau wahrzunehmen, ohne sich darin zu verstricken. Durch innere Ruhe und Mitgefühl verändert sich der Umgang mit Leiden Schritt für Schritt.
***
Material M5
Wir haben Paul Gerhardts Lieder und andere Anker-Texte kennengelernt. Jetzt ist dein Urteil gefragt: Wie viel Platz sollen religiöse Traditionen in unserem Unterricht haben, damit sich alle - egal ob religiös oder nicht-religiös - ernst genommen fühlen?
Nutze für deine Begründung die Kriterien: Freiheit (darf ich ablehnen?), Respekt (werde ich gehört?) und eigener Zweifel (darf ich kritisch fragen?).
Quellen
Der Beitrag Auch Schwarz ist eine bunte Farbe analysiert die aktuelle Stimmung zwischen Kirche und Politik.
Der Beitrag Die Freiheit der Religionsausübung ist auch die Freiheit der anderen reflektiert kritisch über historische Mythen der Toleranz.
Der Beitrag bietet eine gute Grundlage, um über die Rolle von Kirchenvätern im heutigen Unterricht nachzudenken.
Dieser Forschungsbericht liefert den theoretischen Rahmen für die Kooperation von Ethik- und Religionsunterricht.
Der Beitrag Wir wollen aufstehn fasst die Debatten des Katholikentags zusammen.