relipuls · Lehrer:innenblatt

WM 2026: Zwischen Event-Begeisterung und Schöpfungsverantwortung

Didaktisch verdichteter Unterrichtsimpuls mit Materialien

LeitfrageDarf man ein großes Fußballfest feiern, wenn die Welt drumherum brennt – oder nimmt uns gerade das als Menschen in die Pflicht?

Podcast Einführender Podcast für Lehrkräfte

Virtuelle Kolleg:innen aus NotebookLM im Gespräch über diesen Unterrichtsimpuls

Klasse 9
Bringen eine hohe Affinität zu Sportevents mit, sind jedoch in ihrer ethischen Urteilsbildung stark durch soziale Medien und Peer-Gruppen-Meinungen geprägt.
Benötigen bei der abstrakten Kategorie „Schöpfungsverantwortung“ eine sprachliche Brücke zur konkreten Lebenswelt, um nicht in moralisierende Floskeln zu verfallen.

Beitragsbild
Religion / Ethik · 9 (Sek I) · 45 Min.

Datum: 20. Mai 2026 | Lesezeit: ca. 5 Minuten

Einige laufen schon in den Sweat-Shirts der Nationalmannschaft herum. Die Fußball-WM begeistert die einen und die anderen macht sie wütend und die hauen harte politische Statements raus und zeigen wenig Verständnis für dieses Event. Der Beitrag Fußball-WM 2026 – Sport als Wertefundus beleuchtet das Spannungsfeld zwischen sportlicher Begeisterung und Verantwortung. Und welche Perspektiven könnte der Religionsunterricht dazu beitragen? Ich möchte die Kontroverse nicht harmonisieren. Vielleicht könnte ich die unterschiedlichen Begründungslogiken dialogisch im Raum stehen lassen, damit die Jugendlichen eine eigene, begründete Position finden können.

Amina (Virtuelle Religionslehrerin)

Tagesziel

Lernende erkennen, dass ethische Verantwortung in einer globalisierten Welt keine abstrakte Pflicht ist, sondern sich in konkreten Konsumentscheidungen und Haltungen manifestiert.

Lernprodukte

  • Ein ausgefülltes Analyse-Raster und ein persönlicher Entscheidungs-Kompass zur WM 2026.

Vorbereitung

  • Materialien M1, M2, M3, M32, M33, M4, M5 kopieren oder digital bereitstellen
  • Tafel- oder Folienimpuls mit Leitfrage vorbereiten
  • ggf. Gruppen- oder Partnerbildung vorstrukturieren

Stundenbogen

  1. 1Einstieg
  2. 2Im Spannungsfeld: Wo stehst du?
  3. 3Drei Brillen auf die Welt: Der Perspektiven-Check
  4. 4Der Schöpfungs-Check: Das Stadion als Treuhandraum?
  5. 5Mein Kompass für die WM 2026

Didaktische Hinweise

Didaktische Intention

Warum: Die Leitfrage dieser Stunde – Darf man ein großes Fußballfest feiern, wenn die Welt drumherum brennt – oder nimmt uns gerade das als Menschen in die Pflicht? – ist keine Schulfrage, sondern eine echte Entscheidungssituation, der Jugendliche im Alltag begegnen.
Was: Im Verlauf entwickeln die Lernenden lernende können ethische konflikte identifizieren – über erkunden → erfahren → analysieren.
Wozu: Am Ende liegt ein sichtbares Ergebnis vor: Ein ausgefülltes Analyse-Raster und ein persönlicher Entscheidungs-Kompass zur WM 2026. Das ist kein Schulprodukt, sondern eine Position, die außerhalb des Klassenzimmers wirksam werden kann.

Kompetenzerwartungen

Lernende können ethische Konflikte identifizieren,
religiöse und säkulare Perspektiven vergleichen,
die Spannung zwischen Event-Logik und Schöpfungsethik analysieren.

Lehrkraft-Spickzettel

  • Pausenhof-Debatte: Feiern oder Boykottieren? (7 Min.) · M1 Lehrkraft: Legt die Fallkarte aus und bittet um eine erste Einschätzung zur Frage, ob das Fußballfest 2026 eine moralische Entlastung oder eine bewusste Verdrängung globaler Krisen darstellt
  • Im Spannungsfeld: Wo stehst du? (8 Min.) · M2 Lehrkraft: Liest den Kontrast-Text atmosphärisch vor, begleitet die schweigende Positionierung und hält den Spannungsmoment im Raum für einen Moment aus, bevor sie die Lernenden bittet, ihre Plätze für die nächste Phase einzunehmen
  • Drei Brillen auf die Welt: Der Perspektiven-Check (10 Min.) · M3, M32, M33 Lehrkraft: Verteilt die Perspektiv-Karten, begleitet die Gruppen bei der Zuordnung und moderiert den kurzen Austausch über die unterschiedlichen Begründungen für Verantwortung
  • Der Schöpfungs-Check: Das Stadion als Treuhandraum? (10 Min.) · M4 Lehrkraft: Stellt die Tabelle zur Verfügung und unterstützt bei der Übertragung der abstrakten Begriffe auf die konkrete WM-Situation
  • Mein Kompass für die WM 2026 (10 Min.) · M5 Lehrkraft: Moderiert die abschließende Blitzlichtrunde und würdigt die Vielfalt der begründeten Standpunkte als Ausdruck demokratischer und ethischer Urteilsbildung

Differenzierung: Unterstützung

  • Halte eine vereinfachte Leitfrage und eine vertiefende Transferfrage parallel bereit.

Differenzierung: Erweiterung

  • Starte mit einer kompakten Variante für Klasse 8/9 (Sek I) und erweitere erst danach den Reflexionsanteil.

Praxistipps

Die Leitfrage sichtbar stehen lassen (Darf man ein großes Fußballfest feiern, wenn die Welt drumherum brennt – oder nimmt uns gerade das als Menschen in die Pflicht?) und nach jedem Arbeitsschritt kurz sichern, welche Begründung die Lernenden schon haben. Zur Entlastung: Starte mit einer kompakten Variante fuer Klasse 8/9 (Sek I) und erweitere erst danach den Reflexionsanteil.

Unterrichtsverlauf

Tabellarischer Ablauf

Phase Zeit Verlauf / Lehrkraft Sozialform MAT
Einstieg 7 Min.

Rahmen: 7 Min. Sozialform: Partnerarbeit (Murmelphase)

Chat-Szene lesen → Argumente der drei Jugendlichen identifizieren → Kernspannung des Konflikts benennen Lehrkraft: Legt die Fallkarte aus und bittet um eine erste Einschätzung zur Frage, ob das Fußballfest 2026 eine moralische Entlastung oder eine bewusste Verdrängung globaler Krisen darstellt Ergebnis: Benannte Kernspannung zwischen persönlicher Freude und globaler Verantwortung. Hinweis: Nicht in eine lange Diskussion einsteigen, sondern den Konflikt als Ausgangspunkt für die Stunde sichern
Partnerarbeit (Murmelphase) M1
Im Spannungsfeld: Wo stehst du? 8 Min.

Rahmen: 8 Min. Sozialform: Plenum

Flutlicht-Impuls lauschend verfolgen → gedanklich die eigene Position zwischen Event-Freude und globaler Sorge prüfen → schweigend auf der Raum-Linie verorten Lehrkraft: Liest den Kontrast-Text atmosphärisch vor, begleitet die schweigende Positionierung und hält den Spannungsmoment im Raum für einen Moment aus, bevor sie die Lernenden bittet, ihre Plätze für die nächste Phase einzunehmen Ergebnis: Eine physisch markierte, individuelle Positionierung im Spannungsfeld zwischen Event-Begeisterung und globaler Verantwortung. Hinweis: Die Stille nach dem Vorlesen nicht durch Erklärungen oder Kommentare stören
Plenum M2
Drei Brillen auf die Welt: Der Perspektiven-Check 10 Min.

Rahmen: 10 Min. Sozialform: Gruppenarbeit

Perspektiv-Karten lesen → Kernideen der drei Ansätze zusammenfassen → Zuordnung der Brillen zu den Argumenten aus der Pausenhof-Debatte vornehmen Lehrkraft: Verteilt die Perspektiv-Karten, begleitet die Gruppen bei der Zuordnung und moderiert den kurzen Austausch über die unterschiedlichen Begründungen für Verantwortung Ergebnis: Eine Übersicht der drei Deutungsangebote als Grundlage für die Anwendung auf das WM-Szenario. Hinweis: Den Fokus auf die unterschiedlichen Begründungslogiken legen, nicht auf eine Harmonisierung der Positionen
Gruppenarbeit M3, M32, M33
Der Schöpfungs-Check: Das Stadion als Treuhandraum? 10 Min.

Rahmen: 10 Min. Sozialform: Partnerarbeit

Analyse-Raster bearbeiten → Event-Logik und Schöpfungsethik vergleichen → Widersprüche zwischen Stadion-Glanz und Verantwortung benennen Lehrkraft: Stellt die Tabelle zur Verfügung und unterstützt bei der Übertragung der abstrakten Begriffe auf die konkrete WM-Situation Ergebnis: Ein ausgefülltes Prüfraster, das die Spannung zwischen Event-Logik und Schöpfungsverantwortung konkretisiert. Hinweis: Fokus auf den Kontrast zwischen 'Besitz/Konsum' und 'Treuhänderschaft' legen
Partnerarbeit M4
Mein Kompass für die WM 2026 10 Min.

Rahmen: 10 Min. Sozialform: Einzelarbeit mit anschließendem Plenum

Entscheidungs-Kompass ausfüllen → eigene Position zur WM 2026 begründen → im Blitzlicht präsentieren Lehrkraft: Moderiert die abschließende Blitzlichtrunde und würdigt die Vielfalt der begründeten Standpunkte als Ausdruck demokratischer und ethischer Urteilsbildung Ergebnis: Eine schriftlich fixierte, begründete persönliche Positionierung zur WM 2026 als Transferleistung. Hinweis: Keine Harmonisierung erzwingen - unterschiedliche Gewichtungen von Event-Freude und Verantwortung stehen lassen
Einzelarbeit mit anschließendem Plenum M5

Materialien

Handouts und Arbeitsblätter

Material M1

Der Pausenhof-Streit zur WM 2026

Karte 1

Chat-Szene: WM 2026

Ben: "Ey, habt ihr Bock auf die WM im Sommer? 48 Teams, das wird so fett!"

Bilal:

"Ehrlich gesagt, ich hab da Bauchschmerzen. Die fliegen für jedes Spiel tausende Kilometer. Und in den USA und Mexiko läuft politisch so viel schief. Ist das nicht voll die Heuchelei, da einfach Party zu machen?"

Sina:

"Aber wir können doch nicht die ganze Welt retten, indem wir kein Fußball mehr gucken! Ein bisschen Freude muss doch erlaubt sein, gerade wenn alles so düster ist."

Material M2

Das Flutlicht und der Schatten

"Stell dir vor: Das Stadion bebt. 80.000 Menschen schreien vor Glück. Das Flutlicht ist so hell, dass es den Nachthimmel erleuchtet. Doch direkt hinter den Mauern des Stadions, im Schatten des Lichts, liegt eine andere Realität. Menschen, die sich kein Ticket leisten können, die für den Bau der Arenen schlecht bezahlt wurden. Das Spiel läuft. Darf man in diesem Moment einfach glücklich sein? Wo zieht es dich hin? Zum Jubel im Licht - oder zum Nachdenken im Schatten? Stell dich schweigend auf die Linie im Raum."

Material M3

Die drei Brillen – Ein Überblick

Lies die drei Ansätze zur Verantwortung für unsere Welt. Fasse für jeden Ansatz in einem Satz zusammen, warum wir uns für die Welt einsetzen sollen.

1. Die jüdisch-christliche Brille (Schöpfung)
Die Welt ist nicht unser Eigentum, sondern eine geliehene Schöpfung. Der Mensch ist wie ein Gärtner angestellt, um die Erde zu „bebauen und zu bewahren“ (Genesis 2,15). Wir handeln in Verantwortung vor dem Schöpfer.

2. Die islamische Brille (Khalifa)
Gott hat den Menschen als „Khalifa“ (Statthalter oder Treuhänder) auf der Erde eingesetzt (Sure 6,165). Alles auf der Welt ist ein Geschenk Gottes. Wir müssen Rechenschaft darüber ablegen, wie wir mit der Natur und unseren Mitmenschen umgegangen sind.

3. Die säkular-humanistische Brille (Verantwortung)
Es gibt keinen göttlichen Auftrag. Aber weil wir vernünftige Wesen sind und alle auf dieser einen Erde leben, tragen wir die volle Verantwortung für Menschenrechte und Klimaschutz aus eigener Vernunft. Wir handeln, weil wir das Leben für alle verbessern wollen.


Material M32

Argumente im Perspektiven-Check

Argument A:

Umweltbelastung

„Wir müssen die WM boykottieren, weil die Umweltbelastung durch die vielen Flüge und Stadienbauten nicht zu verantworten ist.“
Welche Brille passt am besten zu diesem Argument? Begründe kurz.

Argument B:

Sport als Brücke

„Sport verbindet Menschen weltweit. Wir sollten die WM nutzen, um gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen und Menschenrechte einzutreten.“
Welche Brille passt am besten zu diesem Argument? Begründe kurz.

Argument C:

Spaß am Spiel

„Es ist egal, wo die WM stattfindet. Hauptsache, wir haben Spaß am Spiel und feiern ein friedliches Fest.“
Welche Brille könnte dieses Argument kritisch hinterfragen? Begründe kurz.

Perspektiv-Wechsel

Wähle eines der drei Argumente aus. Wie würde jemand antworten, der eine der anderen beiden Brillen trägt?

Material M33

Nur für die Lehrkraft – Moderationsimpulse

* Fokus: Achten Sie darauf, dass die Lernenden nicht versuchen, die Positionen zu einer einzigen „richtigen“ Meinung zu verschmelzen. Die unterschiedlichen Begründungslogiken (Schöpfungsauftrag vs. Treuhänderschaft vs. Vernunftethik) sollen als verschiedene, aber gleichwertige „Brillen“ erkennbar bleiben.
* Impulsfragen bei der Zuordnung:
* „Warum reicht es aus Sicht der säkularen Brille aus, nur auf die Vernunft zu setzen?“
* „Was unterscheidet den ‚Gärtner‘ (jüdisch-christlich) vom ‚Statthalter‘ (islamisch) in der Art, wie er mit der Welt umgeht?“
* „Welches Argument aus der Debatte lässt sich vielleicht sogar mit zwei Brillen gleichzeitig begründen?“

Material M4

Analyse-Raster: Event-Logik vs. Schöpfungsethik

BereichReine Event-Logik (FIFA / Konsum)Schöpfungsethik (Treuhänderschaft / Khalifa)
Ziel des TurniersMaximaler Gewinn, globale Show, UnterhaltungBegegnung der Völker, Freude am Spiel, Respekt vor der Natur
Umgang mit RessourcenNeubau von klimatisierten Riesenstadien für wenige WochenNachhaltige Nutzung, Schutz der Umwelt als Gottes Schöpfung
Umgang mit MenschenArbeiter werden für billigen Lohn ausgebeutetJedes Menschenleben hat eine unantastbare Würde

Arbeitsauftrag: Vergleicht die beiden Spalten. Überlegt gemeinsam: Wenn wir die Welt als 'Leihgabe' (Treuhänderschaft) betrachten, wie müsste dann eine WM 2026 aussehen? Markiert die Punkte, die euch am wichtigsten sind.

Material M5

Der Entscheidungs-Kompass

Mein Standpunkt zur WM 2026

Nutze für deine Begründung die Begriffe aus deinem Analyse-Raster (aus der vorherigen Arbeit), um deine Entscheidung zwischen Event-Logik (die Freude am Sport und das gemeinsame Erlebnis) und Schöpfungsethik (die Verantwortung für Mensch und Umwelt) zu stützen.

1. Ich finde, man darf die WM 2026 trotz aller Krisen feiern, weil...
(Denke hierbei an das Argument der Begegnung und der Freude.)

2. Gleichzeitig nehme ich aus der Idee der Schöpfungsverantwortung oder des Humanismus mit, dass...
(Überlege hier, welche Verantwortung wir für die Welt und unsere Mitmenschen tragen.)

3. Für mich persönlich bedeutet das für den Sommer 2026: Ich werde...
(Zum Beispiel: Spiele schauen, aber mich kritisch informieren / nur die Spiele meines Teams gucken / ein faires Public Viewing organisieren.)


Quellen

Verlinkte Referenzen

Hier sind die Links zum Mit-Entdecken:

Der Mensch ist nach Genesis 2,15 beauftragt, die Erde zu „bebauen und zu bewahren" - nicht zu besitzen. Dieses Bild des Gärtners steht in Spannung zum Herrschaftsauftrag (dominion) aus Genesis 1,28, der historisch oft als Lizenz zur Ausbeutung missverstanden wurde. Zeitgenössische Schöpfungstheologie (u. a. Moltmann, Franziskus' Laudato si') betont dagegen die Fürsorge als Kern des Auftrags.

Der Begriff bezeichnet den Menschen als Gottes Statthalter oder Treuhänder auf Erden (Sure 6,165; 2,30). Eigentümer aller Ressourcen bleibt allein Gott (Allah). Daraus folgt im islamischen Denken eine doppelte Rechenschaftspflicht: gegenüber der Schöpfung und gegenüber Gott am Tag des Gerichts. Khalifa ist kein passives Verwalten, sondern aktive Gerechtigkeitsverantwortung.

„Reparatur der Welt" - ein zentrales Konzept der jüdischen Ethik, das zur aktiven Mitarbeit an einer gerechteren Welt verpflichtet. Klassisch verankert in der rabbinischen Literatur (vgl. Pirkei Avot 2,21: „Es ist nicht deine Pflicht, das Werk zu vollenden, aber du bist auch nicht frei, dich davon zu entziehen."). Im Unterricht gut anschlussfähig an die Frage, ob Boykott oder Engagement die wirksamere Haltung ist.

  • Säkularer Humanismus:

Verantwortung wird hier nicht aus einem göttlichen Auftrag abgeleitet, sondern aus der Vernunft und der gemeinsamen Würde aller Menschen (vgl. Kant, Habermas). Für den Unterricht wichtig: Diese Position ist gleichwertig, nicht „weniger tief" als die religiösen Ansätze - das sollte explizit gesagt werden, um Abwertungen zu vermeiden.

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