Tagesziel
Demokratieerziehung im RUfa erfordert die Auseinandersetzung mit realen Konfliktlinien statt harmonisierender Wertevermittlung.
relipuls · Lehrer:innenblatt
Didaktisch verdichteter Unterrichtsimpuls mit Materialien
LeitfrageWie viel Streit verträgt unsere Demokratie, wenn es um existenzielle Zukunftsfragen geht?
Klasse 8/9 (Sek I) Die Lernenden bringen aus ihrem Alltag konkrete Erfahrungen mit hitzigen Schulhof-Debatten zu Klima und Zukunft mit, oft mit polarisierten Positionen. Sie brauchen in dieser Stunde sprachliche und emotionale Entlastung, um ihre eigenen Hoffnungen und Ängste benennen zu können, ohne sich rechtfertigen zu müssen.
Demokratieerziehung im RUfa erfordert die Auseinandersetzung mit realen Konfliktlinien statt harmonisierender Wertevermittlung.
Didaktische Hinweise
Weil Jugendliche dieser Altersgruppe täglich erleben, wie Streit um Zukunftsfragen in Freundschaften oder auf dem Schulhof eskaliert, ist die Frage nach den Grenzen demokratischer Auseinandersetzung für sie unmittelbar relevant. Die Lernenden erkunden anhand einer Skala ihre eigene Position zum Streitwert, setzen sich mit drei konkurrierenden Deutungslogiken auseinander und analysieren, wo religiöse Hoffnungssymbolik den demokratischen Raum bereichert oder gefährdet. Die Stunde befähigt sie dazu, eine eigene Antwort-Strategie für reale Konflikte zu entwickeln – eine Haltung, die über den Klassenraum hinaus wirksam wird, wenn sie auf dem Schulhof oder in sozialen Medien auf existenzielle Streitfragen stoßen.
Achten Sie bei der Schulhof-Skala darauf, dass die Lernenden ihre Position nicht sofort verteidigen müssen – lassen Sie zunächst nur die Standorte sichtbar werden und sammeln Sie stichwortartig die Begründungen, ohne in eine Debatte einzusteigen. So vermeiden Sie emotionale Überforderung und schaffen einen geschützten Raum für die anschließende vertiefte Analyse.
Unterrichtsverlauf
| Phase | Zeit | Verlauf / Lehrkraft | Sozialform | MAT |
|---|---|---|---|---|
| Einstieg | 7 Min. | Chat-Ausschnitt lesen → Argumente der beiden Positionen identifizieren → eigene Einschätzung auf einer Skala zwischen ohnmächtiger Skepsis und aktiver Hoffnung verorten Lehrkraft: Legt den Chat-Ausschnitt in die Mitte, bittet um erste spontane Reaktionen und führt die Skala an der Tafel ein Ergebnis: Eine im Plenum visualisierte Skala mit den Positionen der Lernenden als Ausgangspunkt für die weitere Debatte. Hinweis: Nicht in abstrakten theologischen Diskussionen hängenbleiben, sondern die konkrete Alltagssituation der Jugendlichen als Ankerpunkt für die Klimadebatte nutzen | Plenum / Partnerarbeit | M1 |
| Resonanzraum: Was trägt meine Hoffnung? | 8 Min. | Bild betrachten → in Stille die eigene Resonanz zum Bild spüren → sich im Raum entsprechend der eigenen Hoffnung oder Skepsis positionieren → einen inneren Resonanzsatz formulieren Lehrkraft: Legt das Bild in die Mitte, bittet um einen Moment der Stille und leitet die räumliche Positionierung an, um den Übergang von der abstrakten Debatte zum persönlichen Empfinden zu markieren Ergebnis: Eine im Raum visualisierte Positionierung der Lernenden als Ausdruck ihrer persönlichen Hoffnungslage. Hinweis: Keine Diskussion während der Aufstellung; der Fokus liegt auf dem leiblichen Erspüren der eigenen Haltung | Einzelarbeit (still) / Raumaufstellung | M2 |
| Drei Wege zur Zukunft | 10 Min. | Karten mit den drei Deutungslogiken lesen → den Positionen aus dem vorherigen Schulhof-Chat zuordnen → Gemeinsamkeiten und unüberbrückbare Differenzen in der Argumentation benennen Lehrkraft: Legt die Karten-Sets in die Gruppen und moderiert den Abgleich der Zuordnungen im Plenum, um die drei Deutungsräume als konkurrierende Logiken zu sichern Ergebnis: Eine Übersicht der drei Deutungslogiken (Khalifa, Tikkun Olam, Rechtsstaat) als konkurrierende Perspektiven auf die Klimakrise. Hinweis: Die Diskussion soll nicht in eine Harmonisierung abgleiten, sondern die unterschiedlichen Begründungsquellen schärfen | Gruppenarbeit | M3 |
| Vertiefung: Die Last der Treuhänderschaft | 8 Min. | Textauszug zum Khalifa-Konzept lesen → Konflikt zwischen religiösem Treuhänder-Auftrag und demokratischem Kompromisszwang identifizieren → Argumente für eine radikale politische Forderung formulieren Lehrkraft: Moderiert den Übergang von der theoretischen Definition zur politischen Reibung und sichert die Ergebnisse zur Vorbereitung der Debatte Ergebnis: Eine Liste mit zwei bis drei konkreten Punkten, an denen der religiöse Treuhänder-Auftrag mit demokratischen Kompromissen kollidiert. Hinweis: Der Fokus liegt auf der Binnenlogik; vermeiden, das Konzept als bloße 'Umwelt-Moral' zu verflachen | Einzelarbeit / Plenum | M4 |
| Demokratie zwischen Recht und Heiligkeit | 7 Min. | Die Liste der Konfliktpunkte aus dem vorherigen Schritt präsentieren → Thesen zur Unvereinbarkeit von religiöser Hoffnungssymbolik und demokratischem Kompromiss prüfen → Argumente für eine bereichernde oder gefährdende Rolle von 'Heiligkeit' in der Politik gegenüberstellen Lehrkraft: Moderiert die Debatte anhand der Leitfragen und achtet darauf, dass die religiösen Binnenperspektiven nicht als bloße Werte-Agentur instrumentalisiert, sondern als kontroverse Sinnangebote in den demokratischen Prozess eingebracht werden Ergebnis: Eine begründete Positionierung, ob religiöse Hoffnungssymbolik den demokratischen Raum bereichert oder durch den Anspruch auf 'Heiligkeit' gefährdet. Hinweis: Den Fokus auf die Reibung zwischen 'unverhandelbarem religiösem Auftrag' und 'demokratischem Kompromiss' legen | Plenum | M5 |
| Sicherung und Transfer | 5 Min. | Chat-Ausschnitt aus dem Einstieg erneut lesen → eigene Antwort-Strategie auf Basis der drei Perspektiven formulieren → im Partnercheck auf demokratische Kompromissfähigkeit prüfen Lehrkraft: Fordert dazu auf, die theoretischen Erkenntnisse in eine konkrete, respektvolle Antwort-Strategie für den Chat-Partner zu übersetzen und sammelt die Strategien als Handlungsregeln für den Umgang mit existenziellem Streit ein Ergebnis: Eine formulierte Antwort-Strategie für den Schulhof-Streit als Handlungsregel für den demokratischen Umgang mit existenziellem Streit. Hinweis: Fokus auf die Brücke zwischen religiöser Sinnstiftung und demokratischem Kompromiss legen | Einzelarbeit mit Partnercheck | M6 |
Materialien
Material M1
Material M2

Betrachte das Bild in Stille. Spüre nach, was dieses Bild in dir auslöst: Ist es Widerstand gegen die Dürre oder Hoffnung durch den grünen Trieb? Suche dir im Raum einen Platz, der deiner inneren Haltung zu dieser Frage entspricht.
Material M3
Der Mensch ist als Khalifa (Statthalter) auf Erden eingesetzt. Er ist Treuhänder der Schöpfung und vor Gott für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen verantwortlich. Handeln geschieht aus dieser geistlichen Verantwortung heraus.
Tikkun Olam bedeutet 'Weltverbesserung'. Es ist der Auftrag an den Menschen, durch aktives, gemeinschaftliches Handeln an der Reparatur und Vollendung der Welt mitzuwirken. Gerechtigkeit und Heilung sind ein fortlaufender Prozess.
Das Bundesverfassungsgericht verpflichtet den Staat in Verantwortung für künftige Generationen zum Schutz natürlicher Lebensgrundlagen (Art. 20a GG). Rechtliche Bindung sichert Freiheit und Teilhabe, unabhängig von individueller Weltanschauung.
(Für eigene Notizen oder eine vierte Perspektive)
Arbeitsauftrag:
1. Lest die drei Karten aufmerksam.
2. Auf der Rückseite dieses Blatts findet ihr Aussagen aus dem Schulhof-Chat. Schneidet sie aus und ordnet jede Aussage einer der drei Perspektiven zu. Legt die Aussagen neben die passende Karte.
3. Vergleicht die drei Perspektiven: Wo gibt es Gemeinsamkeiten? Wo unterscheiden sie sich grundlegend? Schreibt eure Beobachtungen auf die leere Karte.
Material M4
Das Konzept des Khalifa (Statthalter) bedeutet im islamischen Verständnis nicht, dass der Mensch über die Erde herrscht. Vielmehr ist er ein Treuhänder. Alles, was auf der Erde existiert – Wasser, Luft, Pflanzen, Tiere –, ist ein Geschenk Gottes, das dem Menschen anvertraut wurde. Der Mensch muss vor Gott Rechenschaft darüber ablegen, wie er mit diesem Eigentum umgeht.
Arbeitsauftrag: Lest den Text. Überlegt: Wenn man die Erde als Eigentum Gottes betrachtet, für das man persönlich vor Gott verantwortlich ist – warum ist es dann so schwer, in einer Demokratie Kompromisse beim Klimaschutz zu schließen? Notiert zwei Punkte, an denen diese religiöse Sichtweise mit dem politischen Alltag in Konflikt gerät.
Material M5
Diskutiert in der Klasse die folgenden Fragen. Nutzt dabei eure Erkenntnisse über das Khalifa-Konzept und das Klimaschutzgesetz.
Material M6
Dein Ausgangspunkt – der Chat aus dem Einstieg:
Ein Mitschüler schreibt in der Klassen-Chatgruppe: „Dieses neue Klimaschutzgesetz ist doch nur reine Symbolpolitik der Eliten. Die wollen uns nur ein schlechtes Gewissen machen, während sie selbst weiterfliegen."
Eure Aufgabe:
Überlegt euch eine Antwort auf diesen Chat-Partner. Nutzt eure Erkenntnisse aus der Stunde:
1. Perspektive wählen: Welche Haltung wollt ihr einnehmen?
- Khalifa (Treuhänderschaft – der Mensch als Verwalter der Schöpfung)
- Tikkun Olam (Weltverbesserung – die Aufgabe, die Welt zu reparieren)
- Rechtsstaat (Freiheit für alle – Gesetze, die die Freiheit aller schützen)
Quellen