relipuls · Lehrer:innenblatt

Schöpfungsverantwortung im demokratischen Diskurs

Didaktisch verdichteter Unterrichtsimpuls mit Materialien

LeitfrageDarf religiös begründete Weltverantwortung politisch aktiv werden, ohne den demokratischen Zusammenhalt zu gefährden?

Klasse 9
Bringen ein hohes Maß an digitaler Alltagserfahrung mit, sind jedoch in der Differenzierung zwischen sachlicher Argumentation und emotionaler Polarisierung in sozialen Medien noch ungeübt.
Benötigen bei der Analyse von Argumentationsmustern eine sprachliche Entlastung, um religiöse Begründungslogiken von bloßen Meinungsäußerungen zu unterscheiden.
Frühe Anzeichen für Abweichungen sind eine sofortige ideologische Blockade oder das Ausweichen in rein persönliche Anekdoten statt einer sachlichen Analyse der Chat-Beispiele.
Bei Widerstand gegen die Sachanalyse sollte der Fokus sofort auf die "Rollenübernahme" im Chat verlagert werden, um die Distanz zum eigenen Standpunkt zu wahren.

Beitragsbild
Religion / Ethik · 9 · 45 Min.

Datum: 16. Mai 2026 | Lesezeit: ca. 5 Minuten

Draußen erwacht die Natur, während im Klassenchat meiner 9. an der Stadtteilschule die Diskussionen über politische Statements an Schärfe zunehmen. Wer darf sich eigentlich wie äußern?

Ich sichte das Material des Monats: Die Schöpfungsgeschichte in Bibel, Tanach und Koran vom Reli Ethik Blog und frage mich sofort, wie diese theologische Idee in die Lebenswelt der Jugendlichen passt. Wenn Religionen die Welt als Schöpfung deuten, drängt sich die Frage auf, ob sie sich politisch einmischen müssen, um diese zu schützen. Daneben lege ich den Artikel Aufruf zur Selbstverteidigung! im Eulemagazin über kirchliche Wahlempfehlungen und den Text Religionen & deutsche Medien im Fediversum bei Scilogs über die Fragilität des demokratischen Diskurses.

In diesem Dreieck liegt eine enorme Spannung. Wenn meine säkularen, muslimischen, jüdischen und christlichen Jugendlichen im RUfa gemeinsam auf alte Texte schauen, ist ein Grundkonsens zur Weltverantwortung oft schnell greifbar. Die Diskussion bekommt aber eine ganz andere Tiefe, wenn ich ein konkretes Fallbeispiel wie eine religiös begründete Wahlempfehlung danebenlege. Aus abstrakter Theologie wird unversehens eine harte Debatte über Parteipolitik und Wertevermittlung. Ich beobachte oft, wie Jugendliche in solchen Momenten ringen, um in diesem Spannungsfeld ein eigenes Urteil zu finden, ohne dass der Zusammenhalt im Raum Risse bekommt.

Amina (Virtuelle Religionslehrerin)

Tagesziel

Lernende können religiös begründete Weltverantwortung von parteipolitischer Instrumentalisierung unterscheiden und für den digitalen Diskurs regulieren.

Lernprodukte

  • Eine reflektierte, schriftlich fixierte Chat-Regel zur Balance von religiösem Engagement und demokratischem Konsens.

Vorbereitung

  • Materialien M1, M2, M3, M4, M5 kopieren oder digital bereitstellen
  • Tafel- oder Folienimpuls mit Leitfrage vorbereiten
  • ggf. Gruppen- oder Partnerbildung vorstrukturieren

Stundenbogen

  1. 1Einstieg
  2. 2Raum der Resonanz: Wo stehe ich?
  3. 3Die Welt als Auftrag (A-Teil)
  4. 4Der Spannungspunkt: Werte vs. Parteipolitik (B-Teil)
  5. 5Antwort an den Chat: Wie wollen wir zusammenleben?

Didaktische Hinweise

Didaktische Intention

Ich möchte den Jugendlichen zeigen, dass ihre religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen keine privaten Geheimnisse sind, sondern eine Quelle für gesellschaftliches Engagement sein können, die in einer Demokratie konstruktiv eingebracht werden will. Die Lernenden untersuchen reale digitale Konfliktlinien, ordnen religiöse Weltverantwortung in den demokratischen Konsens ein und formulieren als Ergebnis eine verbindliche Chat-Regel für einen respektvollen Dialog. Die Stunde führt dazu, dass die Lernenden religiöse Argumente nicht mehr als Störfaktor oder Tabu empfinden, sondern als Beitrag begreifen, der durch demokratische Spielregeln erst seine volle, friedensstiftende Kraft entfaltet.

Kompetenzerwartungen

Konfliktlinien zwischen religiöser Überzeugung und demokratischer Neutralität in digitalen Diskursen identifizieren.
Religiöse Begründungslogiken für Weltverantwortung von parteipolitischen Interessen unterscheiden.
Eine begründete Chat-Regel formulieren, die religiöse Identität und demokratischen Konsens miteinander verbindet.
Eigene Standpunkte in einem Spannungsfeld reflektiert vertreten und kritisch hinterfragen.

Lehrkraft-Spickzettel

  • Der Streit im Chat: Religion und Demo? (7 Min.) · M1 Lehrkraft: Projiziert den Chatverlauf an die Wand und bittet um eine erste, wertfreie Beschreibung der Situation
  • Raum der Resonanz: Wo stehe ich? (8 Min.) · M2 Lehrkraft: Liest den Resonanzsatz vor, bittet um lautlose Positionierung und moderiert das kurze Innehalten im Raum
  • Die Welt als Auftrag (A-Teil) (10 Min.) · M3 Lehrkraft: Legt die Begründungskarten in die Mitte, erläutert kurz die Aufgabe und moderiert den anschließenden Vergleich der unterschiedlichen Begründungslogiken
  • Der Spannungspunkt: Werte vs. Parteipolitik (B-Teil) (10 Min.) · M4 Lehrkraft: Teilt die Fallkarte aus, begleitet die Diskussion in den Gruppen und sammelt die zentralen Argumente für das abschließende Urteil an der Tafel
  • Antwort an den Chat: Wie wollen wir zusammenleben? (10 Min.) · M5 Lehrkraft: Sammelt die erarbeiteten Chat-Regeln im Plenum und moderiert die abschließende Einigung auf gemeinsame Grundsätze für den Umgang mit politischen Statements in der Lerngruppe

Differenzierung: Unterstützung

  • Starte mit einer kompakten Variante fuer Klasse 8/9 (Sek I) und erweitere erst danach den Reflexionsanteil.

Differenzierung: Erweiterung

  • Halte eine vereinfachte Leitfrage und eine vertiefende Transferfrage parallel bereit.

Praxistipps

Achten Sie beim "Raum der Resonanz" darauf, dass die Positionierung im Raum nicht als Abstimmung über die eigene Identität, sondern als Testlauf für Argumente verstanden wird; lassen Sie die Schülerinnen und Schüler ihre Position im Raum kurz begründen, bevor sie sich festlegen, um eine vorschnelle Lagerbildung zu vermeiden.

Unterrichtsverlauf

Tabellarischer Ablauf

Phase Zeit Verlauf / Lehrkraft Sozialform MAT
Einstieg 7 Min.

Rahmen: 7 Min. Sozialform: Plenum

Chat-Szene lesen → Konfliktpunkte markieren → Problemstellung benennen Lehrkraft: Projiziert den Chatverlauf an die Wand und bittet um eine erste, wertfreie Beschreibung der Situation Ergebnis: Eine benannte Problemstellung zur Rolle von Religion in politischen Debatten. Hinweis: Keine inhaltliche Bewertung vornehmen, sondern die unterschiedlichen Positionen im Chat nur sichtbar machen
Plenum M1
Raum der Resonanz: Wo stehe ich? 8 Min.

Rahmen: 8 Min. Sozialform: Bewegung im Raum

Resonanzsatz hören → eigene Position zwischen den Polen im Raum einnehmen → innehalten und die Verteilung in der Lerngruppe wahrnehmen Lehrkraft: Liest den Resonanzsatz vor, bittet um lautlose Positionierung und moderiert das kurze Innehalten im Raum Ergebnis: Ein im Raum sichtbares Soziogramm der Lerngruppe zur Frage der politischen Einmischung von Religionen. Hinweis: Nicht in eine argumentative Debatte verfallen; den Moment der Stille und die visuelle Verteilung der Mitschülerinnen und Mitschüler als Erfahrung stehen lassen
Bewegung im Raum M2
Die Welt als Auftrag (A-Teil) 10 Min.

Rahmen: 10 Min. Sozialform: Partnerarbeit

Begründungskarten für Verantwortung lesen → Traditionen (Judentum, Christentum, Islam, säkular) zuordnen → Kernmotive der Schöpfungsverantwortung vergleichen Lehrkraft: Legt die Begründungskarten in die Mitte, erläutert kurz die Aufgabe und moderiert den anschließenden Vergleich der unterschiedlichen Begründungslogiken Ergebnis: Eine Übersicht der verschiedenen religiösen und säkularen Begründungen für Weltverantwortung. Hinweis: Fokus auf die unterschiedlichen Binnenlogiken (z.B. Tikkun Olam vs. Khalifa) legen, nicht auf Harmonisierung
Partnerarbeit M3
Der Spannungspunkt: Werte vs. Parteipolitik (B-Teil) 10 Min.

Rahmen: 10 Min. Sozialform: Gruppenarbeit

Fallkarte lesen → Argumente für beide Positionen im Dilemma markieren → Differenz zwischen allgemeinem Werte-Eintreten und parteipolitischer Instrumentalisierung herausarbeiten Lehrkraft: Teilt die Fallkarte aus, begleitet die Diskussion in den Gruppen und sammelt die zentralen Argumente für das abschließende Urteil an der Tafel Ergebnis: Eine Liste mit Pro- und Contra-Argumenten zur Frage der politischen Einmischung religiöser Institutionen. Hinweis: Den Fokus auf der Unterscheidung zwischen dem Eintreten für Menschenwürde (allgemein) und der konkreten Parteinahme (spezifisch) halten
Gruppenarbeit M4
Antwort an den Chat: Wie wollen wir zusammenleben? 10 Min.

Rahmen: 10 Min. Sozialform: Einzelarbeit mit anschließendem Plenum

Chat-Konflikt aus Schritt 1 rekapitulieren → Argumente aus A- und B-Teil abwägen → begründete Chat-Regel oder Antwort formulieren Lehrkraft: Sammelt die erarbeiteten Chat-Regeln im Plenum und moderiert die abschließende Einigung auf gemeinsame Grundsätze für den Umgang mit politischen Statements in der Lerngruppe Ergebnis: Eine begründete, schriftlich fixierte Chat-Regel oder Antwort, die religiöse Weltverantwortung und demokratische Neutralität in Einklang bringt. Hinweis: Fokus auf die Balance zwischen dem Schöpfungsauftrag als Motivation und der Notwendigkeit, in einer pluralen Demokratie niemanden auszuschließen
Einzelarbeit mit anschließendem Plenum M5

Materialien

Handouts und Arbeitsblätter

Material M1

Klassenchat 8b

A: Hey Leute, am Freitag ist große Klima-Demo! Unsere Gemeinde geht als Gruppe hin, wir haben sogar Banner gebastelt. Kommt mit!

B: Hae? Was hat eure Religion mit Politik zu tun? Behaltet das doch fuer euch im Gottesdienst.

A: Wieso? Die Welt ist Gottes Schoepfung, wir muessen sie schuetzen. Das ist unsere Pflicht!

C: Finde ich schwierig. Religion und Politik sollten streng getrennt sein. Sonst gibt es nur Streit.

Material M2

Pole fuer das Soziogramm

Pol 1: Politische Pflicht

Wenn ich an Werte glaube, MUSS ich mich oeffentlich einmischen, um die Welt zu schuetzen.

Pol 2: Private Werte

Meine Werte sind Privatsache. In der Politik haben religioese Gruppen nichts zu suchen.

Material M3

Begründungen für Verantwortung

Karte Judentum: Tikkun Olam – Die Welt reparieren und gerechter machen. Der Mensch ist Gottes Partner bei der Vollendung der Schöpfung.

Karte Christentum: Bebauen und Bewahren – Der Mensch ist als Hüter des Gartens eingesetzt. Die Welt ist uns anvertraut, um sie zu pflegen und zu schützen.

Karte Islam: Khalifa – Der Mensch ist als verantwortlicher Statthalter auf der Erde eingesetzt. Er muss die Schöpfung in Verantwortung vor Gott verwalten.

Karte Säkular/Humanistisch: Generationengerechtigkeit – Wir haben nur diese eine Erde. Wir tragen die Verantwortung, sie für unsere Nachkommen zu bewahren, weil wir Teil dieser Natur sind.


Auftrag: Ordnet die Karten den jeweiligen Traditionen zu. Vergleicht: Wo sehen alle Traditionen eine Pflicht zur Verantwortung, und wo unterscheiden sich ihre Begründungen?

Material M4

Dilemma: Darf die Kirche Wahlempfehlungen geben?

Lest das Dilemma und diskutiert in eurer Gruppe: Darf eine religiöse Institution wie die Kirche vor einer bestimmten Partei warnen, um Menschen zu schützen?

Position A (Kirchenvertreter): „Wir müssen uns vor die Menschen stellen. Wenn eine Partei Menschenrechte angreift, erfordert unser Glaube, dass wir laut davor warnen.“

Position B (Kritikerin): „Die Kirche muss für alle offen bleiben. Wenn sie Parteipolitik macht, spaltet sie die Gemeinde und überschreitet ihre religiöse Rolle.“

Arbeitsauftrag:
1. Markiert in Position A das Argument, das sich auf den Glauben bezieht.
2. Markiert in Position B das Argument, das sich auf die Rolle der Kirche in der Gesellschaft bezieht.
3. Überlegt: Wo liegt für euch die Grenze zwischen dem Eintreten für Werte (wie Nächstenliebe) und der Einmischung in die Politik?

Material M5

Meine Antwort für den Klassenchat

Überlegt euch, wie ihr auf den Streit im Klassenchat reagieren würdet. Nutzt die unten stehenden Impulse, um eine faire und begründete Antwort zu formulieren.

Wichtige Gedanken für eure Antwort:

  • Der Schöpfungsauftrag: Viele Religionen lehren, dass der Mensch eine besondere Verantwortung für die Welt und das Zusammenleben hat. Das motiviert dazu, sich für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen.
  • Das Neutralitätsgebot: In einer Demokratie leben Menschen mit vielen verschiedenen Überzeugungen zusammen. Damit sich niemand ausgeschlossen fühlt, ist es wichtig, dass politische Statements im Klassenchat niemanden herabsetzen oder ausgrenzen.

Satzstarter für eure Antwort:

  1. Ich kann verstehen, dass religiöse Gruppen sich politisch einmischen, weil...
  2. In unserer Demokratie ist es dabei aber wichtig, dass...
  3. Meine Regel für politische Aufrufe im Klassenchat lautet daher:

Quellen

Verlinkte Referenzen

Hier sind die Links zum Mit-Entdecken:

  • Der Auftrag zur Bewahrung - Christentum | Genesis 2:15 | Binnenquelle: Fokus auf das 'Bebauen und Bewahren' als ethische Kategorie.

Schöpfung als Auftrag in einer polarisierten Welt

Netzrauschen

Termine & Fortbildungen