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Geliebter Lenz

Siegfried Lenz starb am 7. Oktober. Er wurde 88 Jahre alt. Er gehörte und gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Schriftstellern. Mit “So zärtlich war Suleyken” hat es bei mir angefangen. Meine wichtigste Entdeckung bei ihm: Das Feuerschiff.

Die Verfilmung mit Jan Fedder und Axel Milberg hat es mir angetan.
Man sieht die Nordsee im Morgengrauen, könnte Herbst sein, so wie jetzt. Ein Licht blinkt auf über dem Wasser, ein Nebelhorn ist zu hören. Man hört die Stimme von Jan Fedder:

Seit hunderten von Jahren sorgten die Mannschaften der schwimmenden Leuchttürme für die Sicherheit auf See. Dies ist die Geschichte des letzten bemannten Feuerschiffs auf seiner letzten Wache.

Das Feuerschiff ist ein normales Schiff, mit einem aufmontiertem Leuchtturm. Es ist fest verankert. Es markiert eine Position auf dem Meer. An ihm orientiert sich der Schiffsverkehr. Die Mannschaft des Feuerschiffs entdeckt drei Männer in einem kleinen Boot, der Motor ist ausgefallen.
Auf einem Feuerschiff ist es nicht üblich Passagiere an Bord zu nehmen, denn das Feuerschiff darf seine Position auf keinen Fall verlassen, die Sicherheit des Schiffsverkehrs, das Leben vieler Menschen muss gewährleistet sein. Die drei Männer werden jedoch mit einem Beiboot gerettet. Als der Kapitän Johann Freytag ein Schiff für die Geretteten anfordern will, wird das von Caspary strikt abgelehnt. Im Laufe des Film fordern die Geretteten die Lichtung des Ankers …
Was wird der Kapitän tun?


 

Ein Transkript einer Szene zwischen dem Kapitän Johann Freytag und dem Anführer der Schiffbrüchigen. Er betrachtet die Portraits, die an der Wand hängen.

Caspary: Ihre Vorgänger?
Freytag: Ja.
[Kamera schwenkt und zoomt auf die Portraits. Man sieht Männer in Ölzeug.]
Caspary: Sie sehen traurig aus, sehr traurig sogar. Sie haben so einen schwermütigen Blick.
Kapitän: Vielleicht hatten sie nicht so oft Besuch?
Caspary: Oder es ist das Schiff, schließlich bewegt es sich nicht von der Stelle.
Kapitän: Das Schiff hat mehr erlebt als wir alle zusammen.
Caspary: Aber es liegt an der Kette, wie ein Gefangener.
Der Kapitän isst weiter.
Caspary: Und die anderen ziehen alle daran vorbei.
Kapitän: Auch Gefangene haben ihre Macht. Die anderen Schiffe sind vielmehr abhängig als wir von ihnen.
Caspary: Aber die anderen sind frei.
Kapitän: In dem Fall nicht. Wir haben es in der Hand, was mit den anderen passiert. Wir können sie in die Sandbänke schicken oder in gefährliches Fahrwasser. So ist es also und nicht anders.

Eine Erzählung, ein Film, eine Metapher über Freiheit, Ohnmacht, Bindung, Demokratie, Gewaltlosigkeit, Helden, Orientierung …

2 Kommentare

  1. Jörg Lohrer

    15/10/2014 @ 15:42

    Der Klett-Verlag stellt hier einen Lektürekommentar (PDF) von Karin Pohle zum Feuerschiff bereit. Für die religionspädagogische Arbeit finde ich das Meer eindrücklich dargestellt, das hier zwischen Freiheit und Unterdrückung durchaus mit dem Exodus-Motiv verglichen werden kann. Zudem bieten sowohl das Thema Gewalt als auch die Vater-Sohn-Beziehung religionspädagogische Erschließungsmöglichkeiten an.

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